Ein Tag im Leben von

Thea Sikongo, 30, Lehrerin, 2. Klasse

Karangana, Primary School

Zwischen 4.30 Uhr und 5.00 Uhr muss ich aus den Federn. Dann setze ich auf dem Gasherd eine Pfanne Porridge für mich und meinen kleinen Sohn auf und nehme draussen unter freiem Himmel eine Dusche. In unserem "homestead" leben wir ohne Strom und Wasser und ich bin deshalb besorgt, dass abends zuvor genügend Wasser da ist, damit ich morgens duschen kann. Traditionellerweise sind es eigentlich die Mädchen und Frauen, die das Wasser vom Fluss holen, bei uns müssen aber alle mithelfen. Wir sind nur zwei Frauen in unserem 8-köpfigen Haushalt und ich bin zudem tagsüber in der Schule. Ich frühstücke ohne Manieki, meinen 21/2jährigen Sohn. Wenn er aufwacht, bin ich bereits in der Schule. Meine jüngere Schwester füttert ihn dann und kümmert sich tagsüber um ihn.

Seit kurzem bin ich als Älteste der Kopf der Familie. Kurz hintereinander verloren wir beide Eltern. Mein Vater, der eine gute Anstellung im Gefängnis von Rundu hatte, verstarb im Alter von 54 Jahren im November 2005 und ein knappes Jahr später folgte ihm meine Mutter. Nun bin ich für meine drei Brüder, meine Schwester, den Sohn eines verstorbenen Bruders und meinen eigenen Sohn verantwortlich. Ach, mein Leben - unser Leben hat sich sehr verändert, seit unsere Eltern nicht mehr da sind!

Früher freuten wir uns immer auf den Freitag, dann kam nämlich Vater für das Wochenende nach Hause. Eine schöne Zeit war das! Meine Mutter sorgte für uns, wir waren eine glückliche Familie.

Und nun sieht plötlzlich alles anders aus. Viel Verantwortung und viele Sorgen lasten auf mir. Mein jüngster Bruder ist erst 10 und besucht zusammen mit seinem Cousin, der im gleichen Alter ist, die 4. Klasse. Die anderen zwei Brüder gehen in die 9. und 10. Klasse und meine Schwester, die den Schulabschluss nicht bestanden hat, ist jetzt zu Hause.

Ich sorge mit meinem bescheidenen Verdienst für uns alle, doch es reicht nur so schlecht und recht. Die Pension meines Vaters haben wir noch immer nicht erhalten, obwohl ich schon mehrmals auf der entsprechenden Amtsstelle vorbeigegangen bin. Der Vater meines Sohnes, ein Polizist in Windhoek, schickt leider auch nur selten ein paar Namibia Dollars. So hängt im Moment alles an mir!

Als meine Eltern noch lebten, hatten wir einige Maisfelder, um die sich meine Mutter mit Angestellten kümmerte. Jetzt liegen sie brach. Das Vieh, rund zwei dutzend Kühe, mussten wir weiter ins Landesinnere zu Verwandten bringen, weil wir uns nicht darum kümmern können. Der Fernseher, der wir mit einem Generator läuft, war schon länger nicht mehr in Betrieb - wir können und wollen das Geld nicht für Treibstoff ausgeben.

Der Tod meiner Eltern liegt noch nahe und macht mich immer noch sehr traurig. Nicht nur meine Brüder sind Waisen geworden, auch ich komme mir verlassen und verloren vor. Ich weiss nicht, wie ich meiner neuen Aufgabe als "Familienoberhaupt" gerecht werden soll, wie meine Brüder und meine Schwester leiten und ihnen ein Vorbild sein...

Doch bin ich natürlich auch froh, dass ich Arbeit habe, dazu noch so nahe von zu Hause. Bis nach Karangana, wo ich eine 2. Klasse unterrichte, sind es nur 20 Minuten zu Fuss. Von den sechs Klassen haben nur drei ein richtiges Schulzimmer, die anderen werden in einem "outdoor classroom" unterrichtet . Das sind strohgedeckte Hütten mit Sandboden und losen Schilfwänden. Ich gehöre zu den Glücklichen, die im Schulgebäude einquartiert sind. Doch so recht glücklich machen kann mich das trotzdem nicht. Ich habe zwar in der Regenzeit ein wasserdichtes Dach über dem Kopf und muss meine Bücher und mein Material nicht dauernd herumschleppen, dafür muss ich mit Gestank, Kot und entsprechender Geräuschkulisse leben: Seit langem hat sich unter dem Dach eine Fledermauskollonie eingenistet! Die Wand über der Wandtafel ist von Exkrementen beschmiert und durchtränkt und allmorgendlich wische ich zuerst vor der Tafel den vielen Kot zusammen...

Ob sich daran was ändern liesse?! Wie denn? Wer denn? Bevor man unser baufälliges Schulgebäude renoviert, wird natürlich in den Bau neuer Schulzimmer investiert. Und ich selber habe weder die Finanzen noch die Energie, gegen die kleinen Schulzimmermitbewohner vorzugehen! Es bleibt mir nicht viel anderes übrig, als mit der misslichen Situation zu leben und allmorgendlich den Besen zur Hand zu nehmen.

Dieses Jahr habe ich eine kleine Klasse, nur 28 Kinder. Es geht eigentlich ganz gut mit ihnen. Fünf davon machen mir allerdings ziemlich Sorgen. Obwohl alle die 1. Klasse repetiert haben, können sie immer noch nicht lesen und schreiben. Ihre Buchstaben und Zahlen schauen oft in alle Himmelsrichtungen, stehen auf dem Kopf oder sind spiegelverkehrt   und nicht selten beginnen sie auch auf der linken statt auf der rechten Seite mit schreiben. Ich weiss nicht, was mit diesen Kindern los ist! Ich habe mir eine solche Mühe gegeben mit ihnen! Auch wenn ich mit ihnen noch extra übe und es ihnen nochmals erkläre, sie kapieren's einfach nicht!

Als ich zu unterrichten anfing, hatte ich keine Ausbildung, jedoch die 12. Klasse abgeschlossen, was die Minimalanforderung für Lehrkräfte ist. Nach zwei Jahren im Provisoriums-Status, wurde ich durch einen ausgebildeten Lehrer ersetzt. Zwei Jahre war ich zu hause und half meiner Mutter. Dann hatte ich erneut die Chance, eine Klasse zu übernehmen und meldete mich umgehend auch gleich für die BETD-Ausbildung an, die man im Fernstudium machen kann (Basic Education Teacher's Diploma). Nächstes Jahr werde ich abschliessen und als diplomierte Lehrerin in der Lohnskala eine Stufe steigen. Zum Glück!

Über Mittag gehe ich meist nach Hause. Wenn Vorräte im Haus sind, kocht meine Schwester etwas für uns. Nachmittags muss ich zweimal die Woche nochmals zur Schule. Unser Schulleiter verlangt von uns, dass wir am Dienstag- und Donnerstagnachmittag in der Schule sind und vorbereiten. Jede dritte Woche muss ich die Mittelstufenschüler nachmittags mit einem meiner Kollegen von drei bis halb fünf während der Hausaufgabenzeit beaufsichtigen. Wir patroullieren dann vor den Schulzimmern und sorgen dafür, dass die Kinder ruhig sind.

Komme ich von der Schule nach Hause, hole ich erst mal Wasser am Fluss unten. Die Zubereitung des Abendessens ist meine Aufgabe. Ich koche auf dem Gasherd oder - falls das Gas ausgegangen ist - auf dem Feuer. Es gibt Teigwaren, Kartoffeln, Reis oder Hirse. Manchmal gibt's Fisch dazu, den ich an der Strasse kaufe, oder Fleisch. Gegen Ende Monat wird unser Speisezettel eintöniger, dann gibt's oftmals nur Mahangu (Hirse) wie in den armen Familien.

Nach dem Essen sitzen wir ums Feuer und schwatzen, diskutieren, wie wir unsere Situation ändern oder verbessern könnten und trauern den sorgenfreien Zeiten nach, als unsere Eltern noch lebten...

Weil wir ein Haushalt von lauter jungen Leuten sind, gehen wir früh zu Bett. Wir fürchten uns im Dunkeln - nicht nur vor Schlangen!

Bin ich dann im Bett, unter der Decke und kuschle mit Manieki zusammen, so träume ich von besseren Zeiten oder einem Wunder, das uns finanzielle Sorgenfreiheit bescheren möge.

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